So, ich habe mal wieder zwei Bücher gelesen – und manchmal ergänzen sich zwei Bücher zufällig so gut, dass man sie gemeinsam besprechen muss.
Spurwechsel, die neue Weltordnung nach Russlands Krieg von Marcus M. Keupp, erschienen im Quadriga Verlag
und
Nicht einen Schritt weiter nach Osten, Amerika, Russland und die wahre Geschichte der Nato-Osterweiterung von Mary Ellse Sarotte, erschienen bei C.H. Beck.
Gelesen habe ich sie in dieser Reihenfolge, ich würde nun aber empfehlen sie umgekehrt zu lesen.
Daher meine Erläuterungen auch in dieser Reihenfolge.
Mary Elise Sarotte hat den Kravis-Lehrstuhl für Geschichte an der Johns Hopkins School of Advanced International Studies inne. Das Buch wurde schon 2022 fertiggestellt, also vor Kriegsausbruch, das neue deutsche Vorwort ist allerdings von 2023 und geht kurz auf die neue Situation ein.
Satotte hat über Jahre alle Dokumente zu ihrem Thema gesammelt, teils dafür gesorgt dass sie erstmals freigegeben wurden und etliche Protagonisten dieser Zeit interviewt, auf beiden Seiten.
Dabei beginnt sie ihre Erzählung mit der Wende 1989. Alle Wünsche und Besorgnisse der Beteiligten werden Stück für Stück aufgearbeitet. Sie erzählt eine Geschichte, spannend wie ein Krimi – und genauso dicht. Was klar wird: Wer politische Geschichte auf einfache Schuldzuweisungen reduziert, versteht meist weder die Zwänge noch die Interessen der Beteiligten. Politiker müssen Rücksicht auf ihre jeweiligen Wähler nehmen, aber auch die der Verhandlungspartner!
Wann wird was verkündet? Wo stehen gerade mal wieder Wahlen an? Unter welchem Druck stehen die jeweiligen Politiker?
Und natürlich wird wo möglich auch Rücksicht auf die Befindlichkeiten der jeweils anderen Seite genommen. Wer behauptet, all diese Faktoren hätten keinerlei Rolle gespielt, vereinfacht die Geschichte bis zur Unkenntlichkeit.
Dabei gehört zur Wahrheit: Auf beiden Seiten gibt es Falken und Tauben, die ihren jeweiligen Einfluss ausüben.
Ein kleines Beispiel: Die Osteuropäischen Staaten drängten nach der Wende schnellstens in die NATO, der Artikel 5 schien ihnen maximalen Schutz vor erneuten Interessen Russlands zu gewähren.
Gleichzeitig war für die USA die größte Sorge: Wer alles hat nun einen Zugang auf Atomwaffen. Schließlich entstanden durch die Auflösung der Sowjetunion ganz neue Atommächte.
Die USA wollten die Kontrolle über die Atomwaffen möglichst zentral bei Russland halten. Aber die neuen Atom-Mächte waren nicht ohne weiteres bereit ihre Waffen abzugeben.
Und es wurde schlimmer: Polen drohte, es werde eigene Atom-Waffen entwickeln, wenn es nicht schnellstens unter dem Schirm der NATO käme. Noch ein weiterer Atomwaffen-Staat war aber das letzte was die USA wollten.
Aber auch Jelzin sollte nicht vor seinen Falken düpiert werden.
Alleine dieses Beispiel zeigt, wie komplex die Lage war, in der alle Beteiligten operierten und nach Lösungen suchten.
Wer wissen will, wie die Geschichte wirklich war – und mehr über die Komplexität politischer Entscheidungen erfahren will, dem sei dieses wirklich spannende und flüssig zu lesende Buch gerne empfohlen.
Gerade heute, in einer Zeit der moralischen Schnellurteile und vereinfachten Geschichtsbilder, wirkt Sarottes Buch fast wie ein Gegenmittel. Es zeigt, dass historische Entwicklungen selten aus einfachen Motiven entstehen.
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Während Sarotte vor allem erklärt, wie die Lage nach 1989 entstand, beschäftigt sich Marcus M. Keupp mit der Frage, welche langfristigen Konsequenzen daraus heute entstehen.
Marcus M. Keupp muss man kaum vorstellen, er ist häufig genug in den Medien präsent. Doch kurz: Er leitet die Dozentur Militärökonomie an der Militärakademie ETH Zürich.
Keupp geht auf die imperiale Geschichte Russlands ein, und zeigt von diesem Punkt aus die Entwicklung Russlands auf. Für ihn sind die Ereignisse um den Ukraine-Krieg ein Wendepunkt der Geschichte. Ein Wendepunkt mit massiven Einfluss auf die Welt, insbesondere die Mittelstaaten.
Dem russischen Imperium sagt er klar den kommenden Verfall voraus, wobei er auch keinen Hoffnungsschimmer sieht in Bezug auf einen Regierungswechsel in Russland. Der imperiale Gedanke sei tief im russischen Volk verankert. Ohne ihn breche der Vielvölkerstaat auseinander, denn es sei die einzige gemeinsame Idee, die das Vielvölkerreich Russland zusammen halte. Es sei nie eine andere gemeinsame Idee entwickelt worden.
Und dieser Zusammenbruch sei nahezu unausweichlich.
Wir, die Europäer sollten gegenüber Russland endlich die Augen öffnen und in ihm das sehen was es ist: Ein imperialer Aggressor, dessen Denken weiterhin imperial geprägt sei, dabei aber innerlich, technisch und wirtschaftlich schwach sei. Das gesamte Bruttoinlandsprodukt Russlands entspreche gerade mal dem Italiens.
Er tritt für ein Ende der weichen wechselnden Haltung gegenüber Russland ein.
Was an dem Buch besticht: Seine klare eindeutige Sprache und Ausrichtung, die gesammelten Fakten.
Wer noch Zweifel an seiner Haltung Russlands gegenüber hat – sollte dieses Buch lesen.
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Gerade im Zusammenspiel entfalten beide Bücher ihre eigentliche Stärke: Sarotte erklärt die historischen Mechanismen und Zwänge der NATO-Osterweiterung, Keupp beschreibt die geopolitischen Konsequenzen, die daraus heute entstanden sind.
Ich kann das Zusammenlesen nur empfehlen. Erstaunlicherweise ergänzen sich beide Bücher sogar gut mit meinem zuletzt gelesenen Buch: Bloodlands, Europa zwischen Hitler und Stalin von Timothy Snider, DTV.
Auch dort ging es letztlich um den Zerfall alter Gewissheiten, um Machtverschiebungen und die Frage, wie Gesellschaften reagieren, wenn vertraute Ordnungen ins Wanken geraten.
