Kategorie: Comic

  • Allein

    Allein

    Heute einmal ein paar Gedanken zu einer Comicreihe, die mich seit vielen Jahren begleitet:

    Allein (Seuls), Piredda Verlag

    Zeichnungen: Bruno Gazzotti
    Szenario: Fabien Vehlmann

    Zunächst die offizielle Inhaltsangabe des Verlags:

    „In einem Land, dessen Einwohner über Nacht auf mysteriöse Art und Weise verschwunden sind, müssen fünf Kinder lernen, sich allein durchzuschlagen: der mutige Dodji (10), die erfindungsreiche Leila (12), der fantasievolle Yvan (9), die sympathische Streberin Camilla (8) und das ängstliche Nesthäkchen Terry (5). Auf der Suche nach ihren Eltern begegnen sie wilden Tieren, einem rätselhaften Einzelgänger und schließlich weiteren Kindern in einer verlassenen Welt.“

    Allein ist ursprünglich als Kindercomic konzipiert. Der erste Zyklus wurde 2017 in Frankreich sogar verfilmt. Aufgrund des geringen Bekanntheitsgrades der Reihe ist der Film bis heute nicht auf Deutsch erschienen.

    Doch worum geht es eigentlich?

    Anfangs scheint es eine spannende Abenteuer- und Mysterygeschichte zu sein. Fünf Kinder müssen ohne Erwachsene überleben und herausfinden, was geschehen ist. Erst nach und nach wird klar: Sie sind alle gestorben – fast gleichzeitig und keines natürlichen Todes. Offenbar befinden sie sich in einer Zwischenwelt, in der manche Kinder schon seit Jahrhunderten leben. Es entstehen Gruppen, Machtkämpfe und neue Gesellschaften. Die Geschichte wird zunehmend geheimnisvoll und mystisch.

    Aber je länger die Reihe dauert, desto deutlicher wird, dass sie eigentlich von etwas anderem erzählt.

    Vom Sterben und vom Tod.

    Und von vielen weiteren Themen, die wir oft gar nicht als „kindgerecht“ ansehen: Krieg, Flucht und Vertreibung, Gewalt, Misshandlung, Macht, Hass, Klimakrise, Trennung oder sogar Selbstmordgedanken.

    Dabei bleibt die Handlung immer spannend. Man kann Allein problemlos als reines Abenteuer lesen.

    Doch darunter liegt eine zweite Ebene.

    Ganz leise. Fast unbemerkt.

    Die Auseinandersetzung mit den Fragen, die Kinder tatsächlich beschäftigen.
    Sind das wirklich Themen für Kinder?

    Ich glaube: Ja.

    Auch wenn wir Erwachsenen solche Gespräche mit den Kindern häufig vermeiden, bekommen Kinder die Themen mit. Sie hören Nachrichten. Sie hören Gesprächsfetzen. Sie sehen Bilder und Schlagzeilen. Vielleicht verstehen sie noch nicht alles – aber sie spüren, dass etwas nicht stimmt.

    Ich erinnere mich an eine Begebenheit, als meine Tochter noch im Kindergarten war.

    Sie fragte völlig ernst:

    „Wie kann Gott es zulassen, dass so viele Kinder sterben?“

    Sie hatte zuvor in den Nachrichten von hungernden Kindern gehört.

    Diese Frage hat mich damals tief bewegt.

    Genau mit solchen Fragen gehen die Autoren von Allein um.

    Sie nehmen ihre jungen Figuren ernst – und damit auch ihre jungen Leser. Die Welt wird nicht beschönigt. Erwachsene haben nicht auf alles eine Antwort.

    Vielleicht sollten wir trotzdem häufiger mit Kindern über solche Dinge sprechen. Kindgerecht, ehrlich und ohne falsche Versprechungen.

    Denn all das macht etwas mit ihnen.

    Die Figuren in Allein sind keine kleinen Superhelden. Sie streiten, verzweifeln, machen Fehler, tragen Schuldgefühle mit sich herum und verlieren Menschen, die ihnen wichtig sind.

    Aber sie geben einander Halt.

    Hoffnung entsteht nicht dadurch, dass die Gefahr verschwindet, sondern dadurch, dass Beziehungen bleiben.

    Vielleicht sagt die Serie ihren Lesern deshalb etwas ganz anderes, als ihr Titel vermuten lässt.

    Sie sind eben nicht allein.

    Und vielleicht ist genau das die eigentliche Botschaft der Reihe:

    Nicht, wie man eine perfekte Welt erschafft.

    Sondern wie man die Hoffnung bewahrt – in einer Welt, die ist, wie sie ist.


    Nachtrag: Vielleicht habe ich das früher in der Serie selbst nicht so deutlich gesehen. Vielleicht musste auch die Serie erst reifen – oder ich als Leser. Wahrscheinlich beides.

  • Die Rente nähert sich …

    Die Rente nähert sich …

    Es gibt diesen Moment, in dem man merkt, dass sich etwas verschoben hat.

    Nicht laut.

    Nicht mit Ansage.

    Eher so, als hätte jemand im Hintergrund die Kulisse ausgetauscht.

    Ich sitze in meinem Comiczimmer. Zwischen tausenden Seiten, die mich mein ganzes Leben begleitet haben. Karl May. Jules Verne. Dominik. Perry Rhodan. Möbius. Schuiten.

    Früher waren das Ausbrüche. Kleine Fluchten aus einem Alltag, der funktioniert hat, funktionieren musste. Ich habe diese Welten betreten, um kurz weg zu sein – und bin dann wieder zurückgegangen.

    Zur Arbeit. Zur Verantwortung. Zu den Systemen.

    Heute sitze ich hier – und merke: Ich muss gar nicht mehr zurück.

    Das System läuft weiter. Ohne mich. Und das ist kein Verlust. Es ist… ungewohnt ruhig.

    Vielleicht ist es genau das, was mich an „Der Turm“ von Schuiten immer so fasziniert hat. Dieses endlose Funktionieren ohne erkennbaren Sinn. Räume, die betreten werden, weil man sie betreten muss. Wege, die gegangen werden, weil sie da sind.

    Schuiten Der Turm

    Und dann dieser kleine Moment. Ein Zweifel. Ein Bruch in der Logik.

    Nicht laut. Nicht dramatisch. Aber ausreichend, um zu merken: Es geht auch anders.

    Ich glaube, ich war schon immer ein Träumer. Aber ich habe gelernt, meine Träume zu strukturieren. Daraus Systeme zu bauen. Dinge zu entwickeln, die funktionieren.

    Das hat mich weit gebracht.

    Aber jetzt, in diesem Raum, zwischen all den Geschichten, passiert etwas anderes. Die Träume drängen sich nicht mehr zwischen zwei Termine. Sie haben Platz. Zeit. Gewicht.

    Und das fühlt sich… fast ein bisschen unwirklich an.

    Wie bei Möbius. Diese weiten Landschaften, in denen nichts passiert – und genau deshalb alles möglich ist.

    Comic Moebius Arzach

    Vielleicht ist das der eigentliche Übergang.

    Nicht vom Arbeiten ins Nichtstun.

    Sondern vom Funktionieren ins Wahrnehmen.

    Ich muss nichts mehr zusammenhalten. Nichts mehr steuern. Nichts mehr optimieren.

    Ich kann einfach da sitzen. Schauen. Lesen. Denken.

    Und zum ersten Mal seit sehr langer Zeit habe ich nicht das Gefühl, dass ich gleich wieder aufspringen muss.

    Vielleicht ist das der Moment, in dem man merkt, dass ein Lebensabschnitt wirklich zu Ende geht.

    Nicht, weil etwas aufhört.

    Sondern weil etwas anderes beginnt.

  • Schloss der Tiere – Wenn eine Tierfabel nicht mehr loslässt

    Schloss der Tiere – Wenn eine Tierfabel nicht mehr loslässt

    Gedanken zum Comic Schloss der Tiere (Le Château des animaux)

    Es gibt Comics, die man liest – und es gibt Comics, die einen begleiten.
    „Schloss der Tiere“ gehört für mich eindeutig zur zweiten Kategorie.

    Schon Band 1 erzählt eine Geschichte mit einer erstaunlichen Mischung aus Zärtlichkeit und Härte. Liebevoll, weil jede Figur ernst genommen wird. Schwierig, weil nichts beschönigt wird. Es ist eine Tierfabel – ja. Aber auf einem literarischen Niveau, das man eher aus großen Romanen kennt als aus dem Comicregal.

    Le Château des animaux von Xavier Dorison und Félix Delep erzählt von einem Bauernhof, auf dem Tiere unter der Herrschaft eines brutalen Regimes leben. Wer an Orwell denkt, liegt nicht falsch – aber das greift zu kurz. Diese Geschichte ist keine Nacherzählung, sondern eine Weiterentwicklung: leiser, menschlicher, schmerzhafter.


    Tiere auf dem Papier – Menschen im Kopf

    Was mich von Anfang an fasziniert hat:
    Die Zeichnungen zeigen Tiere – die Geschichte lässt sie nie als solche erscheinen.

    Die Körper, die Blicke, die Gesten: alles ist so präzise, so fein beobachtet, dass man nach wenigen Seiten vergisst, dass hier Schweine, Katzen, Hunde oder Vögel agieren. Man sieht Haltungen, Ängste, Würde, Zweifel.
    Die Zeichnungen erinnern mich an die große Zeit der handgezeichneten Disney-Filme – damals, als jede Bewegung noch Handarbeit war, jede Emotion erarbeitet. Aber ohne Sentimentalität. Ohne Zuckerguss.

    Man hat fast das Gefühl, einen angehaltenen Animationsfilm zu betrachten.


    Eine Geschichte, die zieht – und nicht loslässt

    Die Handlung entwickelt einen Sog, dem man sich kaum entziehen kann.
    Macht, Angst, Anpassung, Widerstand – alles wird nicht erklärt, sondern erzählt. Und genau dadurch wirkt es.

    Ich habe mit den Figuren gefiebert, gehofft, gezweifelt.
    Und ja: Ich habe auf Band 4 gewartet, sehnsüchtig. Nicht aus Neugier auf ein Spektakel, sondern aus dem Bedürfnis heraus, diese Geschichte abschließen zu können.


    Der Mut zur Unbequemlichkeit

    Der vierte Band ist dann genau das, was viele große Geschichten auszeichnet:
    kein bequemes Finale.

    Besonders stark – und für mich emotional kaum auszuhalten – ist das Zerwürfnis von Miss B mit einem ihrer Kinder. Keine große Szene, kein Pathos. Nur das schmerzhafte Wissen, dass moralische Standhaftigkeit einen Preis hat. Auch im Privaten. Vielleicht gerade dort.

    Und dann dieser letzte, so kluge Bruch mit der Erwartung:
    Nicht Miss B ist die Schlussheldin. Sondern Cäsar.

    Das ist kein Zufall. Es ist eine Aussage.
    Die Geschichte gehört am Ende nicht der moralischen Instanz, sondern der nächsten Generation. Denen, die weiterleben müssen mit dem, was erreicht – und was verloren – wurde.


    Kurze Inhaltsangabe (für alle, die zögern)

    Auf einem abgelegenen Bauernhof herrscht ein diktatorischer Stier mit Gewalt und Terror. Die übrigen Tiere leben in Angst, angepasst, zersplittert. Widerstand entsteht nicht durch eine große Revolution, sondern durch kleine Akte von Mut, Solidarität und Würde.
    Im Zentrum steht Miss B, eine Katze, die nicht an den Sieg glaubt – aber an das Richtige. Über vier Bände hinweg entwickelt sich eine Geschichte über Macht, Verantwortung, Hoffnung und den Preis des Widerstands.


    Erfolg in Frankreich – nicht nur bei Kritikern

    Dass diese Geschichte so wirkt, ist kein persönlicher Zufall. In Frankreich wurde Le Château des animaux außergewöhnlich aufgenommen:

    • Finalist beim Prix BD Fnac / France Inter (Band 1)
    • regelmäßige Empfehlungen in Le Monde, Télérama und auf France Inter
    • rund 500.000 verkaufte Exemplare in Frankreich nach Abschluss von Band 4

    Für eine politische, literarische Graphic Novel ist das eine bemerkenswerte Zahl – und ein Zeichen dafür, dass diese Geschichte viele erreicht hat.


    Warum dieser Comic bleibt

    Schloss der Tiere ist kein Comic, den man „wegliest“.
    Er bleibt, weil er Fragen stellt, ohne Antworten zu liefern.
    Weil er zeigt, dass Widerstand leise sein kann.
    Und weil er den Mut hat, am Ende nicht zu trösten, sondern wahrhaftig zu sein.

    Ich habe den letzten Band geschlossen – und war erst einmal still.

    Und das ist vielleicht das größte Kompliment, das man einer Geschichte machen kann.


    Video zum Comic