Autor: Klaus Schnaible

  • Ein anderes Lesen der Evangelien – ein Angebot (Erweiterte Fassung V1.02)

    Ein anderes Lesen der Evangelien – ein Angebot (Erweiterte Fassung V1.02)

    AKTUALISIERT & ERWEITERT (August 2026): Jetzt als vollständiges Gesamtwerk (Teil 1 & Teil 2)

    WICHTIGER HINWEIS VORAB:Dieser Text wurde grundlegend erweitert. Während der bisherige Beitrag (Teil 1) die textgeschichtlichen Grundlagen analysierte, liegt das Essay nun als vollständiges Gesamtwerk vor. Ab Seite 30 beginnt der gänzlich neue Teil 2 („Die Praxis der Diaspora“), der die theoretischen Erkenntnisse in eine alltagsnahe, psychologische Lesesynopse der bekanntesten Evangelien-Gleichnisse übersetzt. Das PDF wurde komplett neu formatiert und mit einem Inhaltsverzeichnis versehen.


    Dieser Text ist aus einer längeren persönlichen Auseinandersetzung mit der Entstehung der Evangelien entstanden. Er richtet sich nicht gegen Glauben und nicht gegen Gläubige – wohl aber gegen die Selbstverständlichkeit, mit der wir oft glauben, zu wissen, was in den biblischen Texten steht, ohne sie je selbst gelesen oder hinterfragt zu haben.

    Im Zentrum steht eine einfache, aber folgenreiche Frage:

    Was geschieht, wenn man die Evangelien nicht als historische Berichte liest, sondern als literarische Deutungen einer religiösen Zäsur?

    Dabei wird Bezug genommen auf die aktuellen Forschungsergebnisse in der Theologie, die sicher noch nicht Mainstream sind, aber intensiv diskutiert werden. Von Matthias Klinghardt und Markus Vinzent beispielsweise.

    Das nun vorliegende Gesamtdokument vereint die textgeschichtlichen Grundlagen und die praktische Textarbeit in einem zusammenhängenden Werk. Es ist in zwei Abschnitte unterteilt, die sich in Fokus und Stil bewusst voneinander abgrenzen:

    Teil 1: Die akademische Demontage (Seiten 3 bis 29)

    Der erste Teil fordert den Kopf und analysiert die harten Daten der Textkritik. Er entwickelt Schritt für Schritt eine zusammenhängende, rationale Lesart: Jesus als literarische Gestalt des Gerechten, die Passion als Abrechnung mit dem tempelzentrierten System, die Auferstehung als Neuanfang einer Diaspora-Religion. Im zugehörigen Appendix wird zudem ein kompakter Überblick über die Textüberlieferung, die Datierungsfragen und die Entstehung des Evangelienkanons zur Absicherung der Gedanken geboten.

    Teil 2: Die Praxis der Diaspora (NEU ab Seite 30)

    Ab Seite 30 beginnt der neue Abschnitt dieses Essays.
    Während Teil 1 das theoretische Fundament goss, widmet sich dieser Teil der menschlichen und praktischen Kehrseite der Medaille. Im Zentrum steht die existenzielle Frage, die das Gerüst mit Leben füllt:

    Welchen ganz konkreten, alltäglichen Nutzen hatten die Menschen in der Antike von diesem literarischen Konstrukt?

    Dieser Text lädt dazu ein, die Perspektive zu wechseln und in den Staub einer Gasse im Rom oder Alexandria des Jahres 80 n. Chr. einzutauchen. Wir betrachten die psychologische Zerreißprobe einer traumatisierten Minderheit in der Diaspora, die nach dem Verlust ihres religiösen Zentrums um ihre Identität ringt. Dabei stützen wir uns im theoretischen Überbau auf kulturwissenschaftliche Erkenntnisse der Gedächtnisforschung – insbesondere auf die Unterscheidung zwischen biologischen Generationen und Kulturgenerationen.

    Anhand von drei der bekanntesten Erzählungen der Evangelien – der Heilung am Sabbat, dem römischen Hauptmann von Kapernaum und dem Gleichnis vom verlorenen Sohn – wird Schritt für Schritt demonstriert, wie die literarische Oberfläche als genialer, politischer Überlebenscode genutzt wurde.

    Dieses Essay erhebt keinen Anspruch auf letzte historische Gewissheit. Es versteht sich als Einladung zu einem anderen Lesen: weniger dogmatisch, weniger historisierend, dafür näher an der inneren Logik der Texte und an der Situation der frühen Gemeinden. Es zeigt auf, dass das, was wir heute „Christentum“ nennen, im Kern vielleicht nur das wörtliche Missverständnis einer literarischen Krücke war, die einst für das Überleben in der Fremde gezimmert wurde.

    Wer die theoretischen Grundlagen aus Teil 1 kennt, wird in Teil 2 die praktische Bestätigung finden.

    Wer den neuen Teil ab Seite 30 unabhängig liest, erhält einen tiefen Einblick in die Entstehung von Identität unter extremem Krisendruck.

    Der folgende Link führt zum vollständigen, neu formatierten Gesamtdokument als PDF, das die hier skizzierten Gedanken systematisch entfaltet:

    👉 [HIER KLICKEN: Das vollständige Essay (Teil 1 & Teil 2) als PDF herunterladen]

  • Allein

    Allein

    Heute einmal ein paar Gedanken zu einer Comicreihe, die mich seit vielen Jahren begleitet:

    Allein (Seuls), Piredda Verlag

    Zeichnungen: Bruno Gazzotti
    Szenario: Fabien Vehlmann

    Zunächst die offizielle Inhaltsangabe des Verlags:

    „In einem Land, dessen Einwohner über Nacht auf mysteriöse Art und Weise verschwunden sind, müssen fünf Kinder lernen, sich allein durchzuschlagen: der mutige Dodji (10), die erfindungsreiche Leila (12), der fantasievolle Yvan (9), die sympathische Streberin Camilla (8) und das ängstliche Nesthäkchen Terry (5). Auf der Suche nach ihren Eltern begegnen sie wilden Tieren, einem rätselhaften Einzelgänger und schließlich weiteren Kindern in einer verlassenen Welt.“

    Allein ist ursprünglich als Kindercomic konzipiert. Der erste Zyklus wurde 2017 in Frankreich sogar verfilmt. Aufgrund des geringen Bekanntheitsgrades der Reihe ist der Film bis heute nicht auf Deutsch erschienen.

    Doch worum geht es eigentlich?

    Anfangs scheint es eine spannende Abenteuer- und Mysterygeschichte zu sein. Fünf Kinder müssen ohne Erwachsene überleben und herausfinden, was geschehen ist. Erst nach und nach wird klar: Sie sind alle gestorben – fast gleichzeitig und keines natürlichen Todes. Offenbar befinden sie sich in einer Zwischenwelt, in der manche Kinder schon seit Jahrhunderten leben. Es entstehen Gruppen, Machtkämpfe und neue Gesellschaften. Die Geschichte wird zunehmend geheimnisvoll und mystisch.

    Aber je länger die Reihe dauert, desto deutlicher wird, dass sie eigentlich von etwas anderem erzählt.

    Vom Sterben und vom Tod.

    Und von vielen weiteren Themen, die wir oft gar nicht als „kindgerecht“ ansehen: Krieg, Flucht und Vertreibung, Gewalt, Misshandlung, Macht, Hass, Klimakrise, Trennung oder sogar Selbstmordgedanken.

    Dabei bleibt die Handlung immer spannend. Man kann Allein problemlos als reines Abenteuer lesen.

    Doch darunter liegt eine zweite Ebene.

    Ganz leise. Fast unbemerkt.

    Die Auseinandersetzung mit den Fragen, die Kinder tatsächlich beschäftigen.
    Sind das wirklich Themen für Kinder?

    Ich glaube: Ja.

    Auch wenn wir Erwachsenen solche Gespräche mit den Kindern häufig vermeiden, bekommen Kinder die Themen mit. Sie hören Nachrichten. Sie hören Gesprächsfetzen. Sie sehen Bilder und Schlagzeilen. Vielleicht verstehen sie noch nicht alles – aber sie spüren, dass etwas nicht stimmt.

    Ich erinnere mich an eine Begebenheit, als meine Tochter noch im Kindergarten war.

    Sie fragte völlig ernst:

    „Wie kann Gott es zulassen, dass so viele Kinder sterben?“

    Sie hatte zuvor in den Nachrichten von hungernden Kindern gehört.

    Diese Frage hat mich damals tief bewegt.

    Genau mit solchen Fragen gehen die Autoren von Allein um.

    Sie nehmen ihre jungen Figuren ernst – und damit auch ihre jungen Leser. Die Welt wird nicht beschönigt. Erwachsene haben nicht auf alles eine Antwort.

    Vielleicht sollten wir trotzdem häufiger mit Kindern über solche Dinge sprechen. Kindgerecht, ehrlich und ohne falsche Versprechungen.

    Denn all das macht etwas mit ihnen.

    Die Figuren in Allein sind keine kleinen Superhelden. Sie streiten, verzweifeln, machen Fehler, tragen Schuldgefühle mit sich herum und verlieren Menschen, die ihnen wichtig sind.

    Aber sie geben einander Halt.

    Hoffnung entsteht nicht dadurch, dass die Gefahr verschwindet, sondern dadurch, dass Beziehungen bleiben.

    Vielleicht sagt die Serie ihren Lesern deshalb etwas ganz anderes, als ihr Titel vermuten lässt.

    Sie sind eben nicht allein.

    Und vielleicht ist genau das die eigentliche Botschaft der Reihe:

    Nicht, wie man eine perfekte Welt erschafft.

    Sondern wie man die Hoffnung bewahrt – in einer Welt, die ist, wie sie ist.


    Nachtrag: Vielleicht habe ich das früher in der Serie selbst nicht so deutlich gesehen. Vielleicht musste auch die Serie erst reifen – oder ich als Leser. Wahrscheinlich beides.

  • Die Rente nähert sich …

    Die Rente nähert sich …

    Es gibt diesen Moment, in dem man merkt, dass sich etwas verschoben hat.

    Nicht laut.

    Nicht mit Ansage.

    Eher so, als hätte jemand im Hintergrund die Kulisse ausgetauscht.

    Ich sitze in meinem Comiczimmer. Zwischen tausenden Seiten, die mich mein ganzes Leben begleitet haben. Karl May. Jules Verne. Dominik. Perry Rhodan. Möbius. Schuiten.

    Früher waren das Ausbrüche. Kleine Fluchten aus einem Alltag, der funktioniert hat, funktionieren musste. Ich habe diese Welten betreten, um kurz weg zu sein – und bin dann wieder zurückgegangen.

    Zur Arbeit. Zur Verantwortung. Zu den Systemen.

    Heute sitze ich hier – und merke: Ich muss gar nicht mehr zurück.

    Das System läuft weiter. Ohne mich. Und das ist kein Verlust. Es ist… ungewohnt ruhig.

    Vielleicht ist es genau das, was mich an „Der Turm“ von Schuiten immer so fasziniert hat. Dieses endlose Funktionieren ohne erkennbaren Sinn. Räume, die betreten werden, weil man sie betreten muss. Wege, die gegangen werden, weil sie da sind.

    Schuiten Der Turm

    Und dann dieser kleine Moment. Ein Zweifel. Ein Bruch in der Logik.

    Nicht laut. Nicht dramatisch. Aber ausreichend, um zu merken: Es geht auch anders.

    Ich glaube, ich war schon immer ein Träumer. Aber ich habe gelernt, meine Träume zu strukturieren. Daraus Systeme zu bauen. Dinge zu entwickeln, die funktionieren.

    Das hat mich weit gebracht.

    Aber jetzt, in diesem Raum, zwischen all den Geschichten, passiert etwas anderes. Die Träume drängen sich nicht mehr zwischen zwei Termine. Sie haben Platz. Zeit. Gewicht.

    Und das fühlt sich… fast ein bisschen unwirklich an.

    Wie bei Möbius. Diese weiten Landschaften, in denen nichts passiert – und genau deshalb alles möglich ist.

    Comic Moebius Arzach

    Vielleicht ist das der eigentliche Übergang.

    Nicht vom Arbeiten ins Nichtstun.

    Sondern vom Funktionieren ins Wahrnehmen.

    Ich muss nichts mehr zusammenhalten. Nichts mehr steuern. Nichts mehr optimieren.

    Ich kann einfach da sitzen. Schauen. Lesen. Denken.

    Und zum ersten Mal seit sehr langer Zeit habe ich nicht das Gefühl, dass ich gleich wieder aufspringen muss.

    Vielleicht ist das der Moment, in dem man merkt, dass ein Lebensabschnitt wirklich zu Ende geht.

    Nicht, weil etwas aufhört.

    Sondern weil etwas anderes beginnt.

  • Der Westen, Russland und die Illusion einfacher Wahrheiten

    Der Westen, Russland und die Illusion einfacher Wahrheiten

    So, ich habe mal wieder zwei Bücher gelesen – und manchmal ergänzen sich zwei Bücher zufällig so gut, dass man sie gemeinsam besprechen muss.
     
    Spurwechsel, die neue Weltordnung nach Russlands Krieg von Marcus M. Keupp, erschienen im Quadriga Verlag

    und

    Nicht einen Schritt weiter nach Osten, Amerika, Russland und die wahre Geschichte der Nato-Osterweiterung von Mary Ellse Sarotte, erschienen bei C.H. Beck.

    Gelesen habe ich sie in dieser Reihenfolge, ich würde nun aber empfehlen sie umgekehrt zu lesen.

    Daher meine Erläuterungen auch in dieser Reihenfolge.

    Mary Elise Sarotte hat den Kravis-Lehrstuhl für Geschichte an der Johns Hopkins School of Advanced International Studies inne. Das Buch wurde schon 2022 fertiggestellt, also vor Kriegsausbruch, das neue deutsche Vorwort ist allerdings von 2023 und geht kurz auf die neue Situation ein.

    Sarotte hat über Jahre alle Dokumente zu ihrem Thema gesammelt, teils dafür gesorgt dass sie erstmals freigegeben wurden und etliche Protagonisten dieser Zeit interviewt, auf beiden Seiten.

    Dabei beginnt sie ihre Erzählung mit der Wende 1989. Alle Wünsche und Besorgnisse der Beteiligten werden Stück für Stück aufgearbeitet. Sie erzählt eine Geschichte, spannend wie ein Krimi – und genauso dicht. Was klar wird: Wer politische Geschichte auf einfache Schuldzuweisungen reduziert, versteht meist weder die Zwänge noch die Interessen der Beteiligten. Politiker müssen Rücksicht auf ihre jeweiligen Wähler nehmen, aber auch die der Verhandlungspartner!
    Wann wird was verkündet? Wo stehen gerade mal wieder Wahlen an? Unter welchem Druck stehen die jeweiligen Politiker?

    Und natürlich wird wo möglich auch Rücksicht auf die Befindlichkeiten der jeweils anderen Seite genommen. Wer behauptet, all diese Faktoren hätten keinerlei Rolle gespielt, vereinfacht die Geschichte bis zur Unkenntlichkeit.
    Dabei gehört zur Wahrheit: Auf beiden Seiten gibt es Falken und Tauben, die ihren jeweiligen Einfluss ausüben.

    Ein kleines Beispiel: Die Osteuropäischen Staaten drängten nach der Wende schnellstens in die NATO, der Artikel 5 schien ihnen maximalen Schutz vor erneuten Interessen Russlands zu gewähren.

    Gleichzeitig war für die USA die größte Sorge: Wer alles hat nun einen Zugang auf Atomwaffen. Schließlich entstanden durch die Auflösung der Sowjetunion ganz neue Atommächte.

    Die USA wollten die Kontrolle über die Atomwaffen möglichst zentral bei Russland halten. Aber die neuen Atom-Mächte waren nicht ohne weiteres bereit ihre Waffen abzugeben.

    Und es wurde schlimmer: Polen drohte, es werde eigene Atom-Waffen entwickeln, wenn es nicht schnellstens unter dem Schirm der NATO käme. Noch ein weiterer Atomwaffen-Staat war aber das letzte was die USA wollten.

    Aber auch Jelzin sollte nicht vor seinen Falken düpiert werden.

    Alleine dieses Beispiel zeigt, wie komplex die Lage war, in der alle Beteiligten operierten und nach Lösungen suchten.

    Wer wissen will, wie die Geschichte wirklich war – und mehr über die Komplexität politischer Entscheidungen erfahren will, dem sei dieses wirklich spannende und flüssig zu lesende Buch gerne empfohlen.

    Gerade heute, in einer Zeit der moralischen Schnellurteile und vereinfachten Geschichtsbilder, wirkt Sarottes Buch fast wie ein Gegenmittel. Es zeigt, dass historische Entwicklungen selten aus einfachen Motiven entstehen.

    Während Sarotte vor allem erklärt, wie die Lage nach 1989 entstand, beschäftigt sich Marcus M. Keupp mit der Frage, welche langfristigen Konsequenzen daraus heute entstehen.

    Marcus M. Keupp muss man kaum vorstellen, er ist häufig genug in den Medien präsent. Doch kurz: Er leitet die Dozentur Militärökonomie an der Militärakademie ETH Zürich.

    Keupp geht auf die imperiale Geschichte Russlands ein, und zeigt von diesem Punkt aus die Entwicklung Russlands auf. Für ihn sind die Ereignisse um den Ukraine-Krieg ein Wendepunkt der Geschichte. Ein Wendepunkt mit massiven Einfluss auf die Welt, insbesondere die Mittelstaaten.

    Dem russischen Imperium sagt er klar den kommenden Verfall voraus, wobei er auch keinen Hoffnungsschimmer sieht in Bezug auf einen Regierungswechsel in Russland. Der imperiale Gedanke sei tief im russischen Volk verankert. Ohne ihn breche der Vielvölkerstaat auseinander, denn es sei die einzige gemeinsame Idee, die das Vielvölkerreich Russland zusammen halte. Es sei nie eine andere gemeinsame Idee entwickelt worden.

    Und dieser Zusammenbruch sei nahezu unausweichlich.

    Wir, die Europäer sollten gegenüber Russland endlich die Augen öffnen und in ihm das sehen was es ist: Ein imperialer Aggressor, dessen Denken weiterhin imperial geprägt sei, dabei aber innerlich, technisch und wirtschaftlich schwach sei. Das gesamte Bruttoinlandsprodukt Russlands entspreche gerade mal dem Italiens.

    Er tritt für ein Ende der weichen wechselnden Haltung gegenüber Russland ein.

    Was an dem Buch besticht: Seine klare eindeutige Sprache und Ausrichtung, die gesammelten Fakten.

    Wer noch Zweifel an seiner Haltung Russlands gegenüber hat – sollte dieses Buch lesen.

    Gerade im Zusammenspiel entfalten beide Bücher ihre eigentliche Stärke: Sarotte erklärt die historischen Mechanismen und Zwänge der NATO-Osterweiterung, Keupp beschreibt die geopolitischen Konsequenzen, die daraus heute entstanden sind.
     
    Ich kann das Zusammenlesen nur empfehlen. Erstaunlicherweise ergänzen sich beide Bücher sogar gut mit meinem zuletzt gelesenen Buch: Bloodlands, Europa zwischen Hitler und Stalin von Timothy Snider, DTV.

    Auch dort ging es letztlich um den Zerfall alter Gewissheiten, um Machtverschiebungen und die Frage, wie Gesellschaften reagieren, wenn vertraute Ordnungen ins Wanken geraten.

  • Ehegattensplitting – die immer gleiche Debatte. Und warum sie mich seit Jahren wütend macht.

    Ehegattensplitting – die immer gleiche Debatte. Und warum sie mich seit Jahren wütend macht.

    Es ist wieder so weit.

    Wieder wird über die Abschaffung des Ehegattensplittings diskutiert. Wieder kommen die gleichen Argumente. Und wieder wird so getan, als handle es sich um eine sachliche, nüchterne Debatte.

    Das ist sie nicht.


    Die Forderungen – seit Jahren die gleichen

    Die Diskussion ist alles andere als neu.

    • Die SPD fordert seit Jahren die Abschaffung oder Einschränkung des Ehegattensplittings. Begründung: Es begünstige „Alleinverdiener-Ehen“ und setze „negative Erwerbsanreize für Frauen“.
    • Auch Bündnis 90/Die Grünen wollen das Splitting durch eine Individualbesteuerung ersetzen – zumindest für neue Ehen.
    • Verbände wie der Deutscher Juristinnenbund sprechen von einem „Relikt vergangener Jahrzehnte“, das Frauen benachteilige.
    • Und aktuell wird das Thema erneut politisch angeheizt – etwa durch Vorstöße aus der Regierung, das Splitting für künftige Ehen abzuschaffen.

    Die Argumentationslinie ist dabei immer gleich:

    Das Ehegattensplitting hält Frauen davon ab, arbeiten zu gehen.

    Immer. Wieder. In Endlosschleife.


    Und genau hier beginnt das Problem

    Diese Aussage ist nicht einfach „verkürzt“.

    Sie ist fachlich schlicht nicht haltbar – zumindest so, wie sie öffentlich dargestellt wird.

    Denn sie vermischt zwei Dinge, die nichts miteinander zu tun haben:

    1. Die Verteilung der Steuer innerhalb der Ehe
    2. Die Besteuerung des gemeinsamen Einkommens

    Und genau das wird konsequent – ich formuliere bewusst deutlich – ignoriert.


    Was tatsächlich gilt (und was man leicht nachprüfen kann)

    Das Ehegattensplitting ist ein reines Rechenmodell:

    • Einkommen beider Partner wird zusammengelegt
    • halbiert
    • und daraus die Steuer berechnet

    Das ist alles.

    Es sagt nichts darüber aus:

    • wer wie viel Steuer „trägt“
    • ob ein Partner benachteiligt wird
    • oder ob sich Arbeit „lohnt“

    Die Verteilung innerhalb der Ehe erfolgt über die Steuerklassen –
    und die sind frei wählbar.

    Und es gibt ein Verfahren, das in dieser Debatte fast nie erwähnt wird:

    👉 Steuerklasse „IV/IV mit Faktor

    Dieses Verfahren sorgt dafür, dass:

    • beide Partner exakt nach ihrem Einkommen belastet werden
    • der Splittingvorteil korrekt berücksichtigt wird
    • keine Verzerrung entsteht

    Mit anderen Worten:

    👉 Die angebliche Benachteiligung der Frau existiert in diesem System nicht.


    Warum wird dann trotzdem etwas anderes behauptet?

    Das ist der Punkt, der mich seit Jahren beschäftigt.

    Denn hier gibt es nur drei Möglichkeiten:

    1. Man weiß es nicht
    2. Man versteht es nicht
    3. Man verschweigt es bewusst

    Und nach Jahren der Wiederholung fällt es schwer zu glauben, dass es nur Unwissen ist.


    Was tatsächlich diskutiert wird – aber nie so gesagt wird

    Wenn man die Argumente auseinander nimmt, bleibt am Ende etwas anderes übrig:

    👉 Es geht nicht um „Benachteiligung“
    👉 Es geht nicht um „falsche Steuerklassen“
    👉 Es geht um eine Grundsatzfrage:

    Soll die Ehe steuerlich als wirtschaftliche Einheit betrachtet werden – oder nicht?

    Und daraus folgt zwangsläufig:

    👉 Wenn man das Splitting abschafft, werden viele Ehepaare mit unterschiedlich hohen Einkommen mehr Steuern zahlen.

    Das ist keine Meinung. Das ist Mathematik.


    Und genau das wird nicht gesagt

    Stattdessen hört man:

    • „Es lohnt sich nicht zu arbeiten“
    • „Frauen werden benachteiligt“
    • „Das System ist ungerecht“

    Was man nicht hört:

    • „Wir wollen die Besteuerung von Ehepaaren ändern“
    • „Wir wollen Individualbesteuerung einführen“
    • „Das führt zu Mehrbelastungen bei bestimmten Familienmodellen“

    Warum nicht?

    Weil das politisch unbequem ist.


    Ein kurzer Blick ins Grundgesetz

    Das Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland stellt Ehe und Familie unter besonderen Schutz.

    Und das Bundesverfassungsgericht hat mehrfach bestätigt:

    👉 Die steuerliche Berücksichtigung der Ehe als wirtschaftliche Einheit ist zulässig.

    Das bedeutet nicht, dass das Splitting zwingend ist.
    Aber es bedeutet:

    👉 Änderungen sind keine rein technische Frage.
    👉 Es ist eine gesellschaftliche und verfassungsrechtliche Grundsatzentscheidung.


    Mein Problem mit dieser Debatte

    Ich habe in den letzten Jahren mehrfach Redaktionen und Politiker angeschrieben.

    Nie kam eine Antwort.

    Nicht eine!

    Und das ist der eigentliche Skandal.

    Nicht, dass man das Splitting abschaffen will.
    Das kann man politisch fordern.

    Sondern:

    👉 Wie darüber gesprochen wird.


    Was ich verlange

    Keine Zustimmung.
    Keine bestimmte politische Richtung.

    Nur eines:

    👉 Ehrlichkeit.

    Sagt:

    • dass ihr das System ändern wollt
    • dass es Gewinner und Verlierer gibt
    • dass es um ein anderes Gesellschaftsmodell geht

    Aber hört auf, eine technisch falsche Begründung immer wieder zu wiederholen, nur weil sie sich gut anhört.


    Zum Schluss

    Ich habe kein Problem mit politischen Entscheidungen.

    Aber ich habe ein Problem damit, wenn eine komplexe Realität auf eine einfache – und falsche – Formel reduziert wird:

    „Das Splitting hält Frauen vom Arbeiten ab.“

    Nein.

    Das tut es nicht.

    Und wer etwas anderes behauptet, sollte zumindest den Anstand haben, es sauber zu begründen.

    Oder – noch besser – einfach sagen, worum es wirklich geht.

    Nicht die Entscheidung ist das Problem. Sondern der fehlende Mut, sie ehrlich zu begründen.

    Nachsatz: Wenn selbst Studien Ursache und Wirkung verwechseln

    Ein aktuelles Beispiel liefert eine Studie der Bertelsmann Stiftung aus dem Jahr 2026, die zu dem Ergebnis kommt, das Ehegattensplitting „bremse die Beschäftigung von Frauen“. Bei genauerem Hinsehen zeigt sich jedoch ein klassisches Problem: Es wird nicht gemessen, was behauptet wird.

    Die Studie stellt fest, dass viele Frauen angeben, es lohne sich finanziell nicht, ihre Arbeitszeit auszuweiten. Daraus wird jedoch unmittelbar ein ursächlicher Zusammenhang mit dem Ehegattensplitting konstruiert. Genau hier liegt der Fehler. Denn eine subjektive Einschätzung („es lohnt sich nicht“) ist kein Beleg für eine konkrete Ursache – schon gar nicht für ein spezifisches Steuersystem.

    Tatsächlich beschreibt die Studie lediglich einen bekannten Effekt der progressiven Besteuerung bei gemeinsam veranlagten Einkommen: Zusätzlicher Verdienst wird mit dem Grenzsteuersatz des Haushalts besteuert. Das ist weder neu noch spezifisch für das Ehegattensplitting – und erst recht kein Beleg für eine strukturelle Benachteiligung innerhalb der Ehe.

    Besonders bemerkenswert ist, was in der Analyse fehlt: Das seit 2010 bestehende Faktorverfahren (Steuerklasse IV/IV mit Faktor), das genau die oft behauptete ungleiche Belastung innerhalb von Ehen korrigiert, wird nicht berücksichtigt. Damit bleibt ein zentraler Teil der Realität außen vor.

    Gerade hier zeigt sich ein grundsätzlicher Punkt: Auch bei Studien und bei Personen, die als „Experten“ auftreten, ist eine kritische Prüfung notwendig. Der Begriff ersetzt keine saubere Herleitung. Wenn Annahmen, Verkürzungen oder Auslassungen unreflektiert bleiben, entsteht schnell der Eindruck wissenschaftlicher Eindeutigkeit, wo in Wahrheit nur eine Interpretation vorliegt.

    So entsteht der Eindruck eines Problems, das in dieser Form gar nicht existiert – zumindest nicht so, wie es dargestellt wird. Was bleibt, ist weniger eine belastbare Analyse als vielmehr eine Argumentation, die ein bestimmtes politisches Ziel stützt.

    Gerade deshalb wäre hier mehr Zurückhaltung angebracht. Denn wenn selbst Studien beginnen, Wahrnehmungen mit Ursachen zu verwechseln, wird aus Analyse schnell Argumentation – und aus Wissenschaft ein Narrativ.

    Link zur Bertelsmann-Studie

  • Macht statt Gemeinwohl

    Macht statt Gemeinwohl

    Warum wir aus den USA lernen müssen – bevor wir amerikanische Verhältnisse bekommen

    Die aktuelle Situation in den USA – formale Demokratie, erodierte Substanz

    Die Vereinigten Staaten von Amerika gelten noch immer als Demokratie:
    Es gibt Wahlen, Gerichte, einen Kongress, eine Verfassung.

    Und doch wächst seit Jahren das Gefühl, dass diese Institutionen nicht mehr das leisten, was sie leisten sollen.
    Regiert wird zunehmend per Executive Order, weil der Kongress blockiert oder blockieren will.
    Bundesbehörden wie ICE agieren faktisch in eigenen Rechtsräumen, oft jenseits lokaler Kontrolle.

    Die Justiz ist chronisch überlastet – mit der Folge, dass Recht selektiv wirksam wird: Wer Geld, Zeit und Anwälte hat, kommt durch. Wer das nicht hat, verliert.

    Das ist kein plötzlicher Systembruch.
    Es ist institutionelle Erosion – langsam, technisch, rechtlich oft sauber.

    Aber sie verändert den Charakter des Systems.

    Ursachen – nicht Zufall, sondern Strategie

    Diese Entwicklung ist nicht einfach „politisches Chaos“.
    Sie ist das Ergebnis gezielter Entscheidungen.

    a) Infragestellung des Staates selbst

    Seit Jahrzehnten arbeiten einflussreiche konservative Netzwerke – prominent die Heritage Foundation – daran, den Staat nicht zu reformieren, sondern funktionsunfähig zu machen.
    Behörden gelten als „deep state“, Gerichte als Hindernis, Verwaltung und Medien als Feind.

    Ziel ist nicht Effizienz, sondern Delegitimierung:
    Ein Staat, der schlecht funktioniert, lässt sich leichter abschaffen oder privatisieren.

    b) Überlastung von Behörden und Justiz

    Wenn Gerichte überlastet sind, entsteht kein Chaos – sondern Machtasymmetrie.
    Recht existiert weiter, aber es ist nicht mehr gleich zugänglich.

    Das ist kein Kollateralschaden, sondern ein bekanntes Machtinstrument.

    c) Der Supreme Court und die moralische Integrität

    Ein zentraler Kipppunkt war das Urteil Citizens United v. FEC.
    Mit ihm hob der Supreme Court der Vereinigten Staaten die Begrenzung der Wahlkampffinanzierung auf.

    Geld wurde zur geschützten Meinungsäußerung erklärt.
    Kapital erhielt politischen Grundrechtsschutz.

    Das war kein Versehen.
    Das war eine bewusste Umcodierung von Demokratie:
    von politischer Gleichheit hin zu finanziellem Einfluss.

    Hinzu kommt: Richter, deren persönliche Integrität öffentlich infrage steht, bleiben im Amt – ohne spürbare Konsequenzen.
    Ein Gericht ohne Schamfähigkeit verliert seine moralische Autorität, auch wenn seine Urteile formal gültig bleiben.

    Europa im Vergleich – warum Institutionen entscheidend sind

    Europa ist nicht besser, weil es klüger wäre.
    Es ist stabiler, weil es institutionell anders gebaut ist.

    Ein Beispiel: Die Einführung des Euro war kein Projekt einzelner Politiker.
    Sie war ein Verwaltungs-, Experten- und Behördenprojekt:
    Ministerialbeamte, Zentralbanken, Juristen, IT-Fachleute trafen über Jahre hinweg tausende Detailentscheidungen.
    Kein Kanzler hätte das steuern können – und musste es auch nicht.

    Das funktioniert nur mit:

    • kontinuierlicher Verwaltung

    • institutionellem Gedächtnis

    • fachlicher Professionalität

    • politischer Neutralität der Beamtenschaft

    Genau diese Trägerschicht macht Politik wechselrobust.

    Minister kommen und gehen – die Institution bleibt.
    Deshalb sind europäische Systeme langsam, oft frustrierend, aber belastbar.

    Und genau deshalb scheitern Versuche, sie „einfach“ zu zerschlagen.

    Die AfD – Zweifel säen als Methode

    Die AfD agiert nicht primär über Lösungen, sondern über Zweifel.
    Ihre Erzählung lautet nicht: Wir bauen etwas Besseres.
    Sondern: Alles ist faul.

    • Medien sind Teil des Übels

    • Gerichte sind politisch gesteuert

    • „Altparteien“ sabotieren das Volk

    • Institutionen sind grundsätzlich verdächtig

    Das ist kein Zufall.
    Es ist dieselbe Logik wie in den USA:
    Wenn Vertrauen zerstört ist, bleibt nur Macht.

    Wer Institutionen delegitimiert, muss sie später nicht reformieren – er kann sie übernehmen, austauschen oder ignorieren.

    Ebner-Eschenbach – der Prüfstein

    Marie von Ebner-Eschenbach formulierte einen Satz, der Populismus entwaffnet:

    Beurteile Politiker nicht nach ihren Zielen – sie liegen in der Zukunft.
    Beurteile sie nach der Art und Weise, wie sie versuchen, sie zu erreichen.

    Wendet man diesen Maßstab an, wird vieles klar:

    • Wer Demokratie schwächt, um sie angeblich zu retten

    • wer Institutionen angreift, statt sie zu verbessern

    • wer Misstrauen sät, statt Verantwortung zu übernehmen

    … will nicht das Gemeinwohl, sondern Macht ohne Begrenzung.

    Wieviele unsägliche Wortmeldungen von AfD-Politikern es gibt, wieviele Verbindungen zu Rechtsextremen, wieviele Fake-News, teils wohl direkt aus Russlands Trollfabriken – man mag es kaum mehr zählen. Gefakte KI-Bilder beherrschen sie perfekt.

    Ziele kann man versprechen – Methoden verraten Absichten.

    Schluss – amerikanische Verhältnisse sind kein Schreckgespenst

    Die AfD behauptet, sie kämpfe für das „eigene Land“.
    Ihre Methoden sprechen eine andere Sprache.
    Sie greift genau jene Institutionen an, die Europa stabil halten:

    • unabhängige Gerichte

    • professionelle Verwaltung

    • freie Medien

    • institutionelle Trägheit

    Das Ergebnis wäre kein „aufgeräumter Staat“, sondern ein schwacher.
    Und ein schwacher Staat ist immer ein Geschenk an jene, die über Geld, Netzwerke und Macht verfügen.

    Die USA zeigen, wohin dieser Weg führt:
    Formale Demokratie – reale Machtkonzentration.
    Wer glaubt, man könne diesen Weg gehen, ohne amerikanische Verhältnisse zu bekommen, verkennt die Logik von Macht.

    Oder um es mit Ebner-Eschenbach zu sagen:

    Nicht die Ziele sind das Problem.
    Es ist der Weg dorthin.

    Hinweis:
    Der Text entstand aufgrund der aktuelle Lektüre: „Warum Nationen scheitern – die Ursprünge von Macht, Wohlstand und Armut“, von den Wirtschaftsnobelpreisträgern Daron Acemoglu und James A. Robinson

  • Schloss der Tiere – Wenn eine Tierfabel nicht mehr loslässt

    Schloss der Tiere – Wenn eine Tierfabel nicht mehr loslässt

    Gedanken zum Comic Schloss der Tiere (Le Château des animaux)

    Es gibt Comics, die man liest – und es gibt Comics, die einen begleiten.
    „Schloss der Tiere“ gehört für mich eindeutig zur zweiten Kategorie.

    Schon Band 1 erzählt eine Geschichte mit einer erstaunlichen Mischung aus Zärtlichkeit und Härte. Liebevoll, weil jede Figur ernst genommen wird. Schwierig, weil nichts beschönigt wird. Es ist eine Tierfabel – ja. Aber auf einem literarischen Niveau, das man eher aus großen Romanen kennt als aus dem Comicregal.

    Le Château des animaux von Xavier Dorison und Félix Delep erzählt von einem Bauernhof, auf dem Tiere unter der Herrschaft eines brutalen Regimes leben. Wer an Orwell denkt, liegt nicht falsch – aber das greift zu kurz. Diese Geschichte ist keine Nacherzählung, sondern eine Weiterentwicklung: leiser, menschlicher, schmerzhafter.


    Tiere auf dem Papier – Menschen im Kopf

    Was mich von Anfang an fasziniert hat:
    Die Zeichnungen zeigen Tiere – die Geschichte lässt sie nie als solche erscheinen.

    Die Körper, die Blicke, die Gesten: alles ist so präzise, so fein beobachtet, dass man nach wenigen Seiten vergisst, dass hier Schweine, Katzen, Hunde oder Vögel agieren. Man sieht Haltungen, Ängste, Würde, Zweifel.
    Die Zeichnungen erinnern mich an die große Zeit der handgezeichneten Disney-Filme – damals, als jede Bewegung noch Handarbeit war, jede Emotion erarbeitet. Aber ohne Sentimentalität. Ohne Zuckerguss.

    Man hat fast das Gefühl, einen angehaltenen Animationsfilm zu betrachten.


    Eine Geschichte, die zieht – und nicht loslässt

    Die Handlung entwickelt einen Sog, dem man sich kaum entziehen kann.
    Macht, Angst, Anpassung, Widerstand – alles wird nicht erklärt, sondern erzählt. Und genau dadurch wirkt es.

    Ich habe mit den Figuren gefiebert, gehofft, gezweifelt.
    Und ja: Ich habe auf Band 4 gewartet, sehnsüchtig. Nicht aus Neugier auf ein Spektakel, sondern aus dem Bedürfnis heraus, diese Geschichte abschließen zu können.


    Der Mut zur Unbequemlichkeit

    Der vierte Band ist dann genau das, was viele große Geschichten auszeichnet:
    kein bequemes Finale.

    Besonders stark – und für mich emotional kaum auszuhalten – ist das Zerwürfnis von Miss B mit einem ihrer Kinder. Keine große Szene, kein Pathos. Nur das schmerzhafte Wissen, dass moralische Standhaftigkeit einen Preis hat. Auch im Privaten. Vielleicht gerade dort.

    Und dann dieser letzte, so kluge Bruch mit der Erwartung:
    Nicht Miss B ist die Schlussheldin. Sondern Cäsar.

    Das ist kein Zufall. Es ist eine Aussage.
    Die Geschichte gehört am Ende nicht der moralischen Instanz, sondern der nächsten Generation. Denen, die weiterleben müssen mit dem, was erreicht – und was verloren – wurde.


    Kurze Inhaltsangabe (für alle, die zögern)

    Auf einem abgelegenen Bauernhof herrscht ein diktatorischer Stier mit Gewalt und Terror. Die übrigen Tiere leben in Angst, angepasst, zersplittert. Widerstand entsteht nicht durch eine große Revolution, sondern durch kleine Akte von Mut, Solidarität und Würde.
    Im Zentrum steht Miss B, eine Katze, die nicht an den Sieg glaubt – aber an das Richtige. Über vier Bände hinweg entwickelt sich eine Geschichte über Macht, Verantwortung, Hoffnung und den Preis des Widerstands.


    Erfolg in Frankreich – nicht nur bei Kritikern

    Dass diese Geschichte so wirkt, ist kein persönlicher Zufall. In Frankreich wurde Le Château des animaux außergewöhnlich aufgenommen:

    • Finalist beim Prix BD Fnac / France Inter (Band 1)
    • regelmäßige Empfehlungen in Le Monde, Télérama und auf France Inter
    • rund 500.000 verkaufte Exemplare in Frankreich nach Abschluss von Band 4

    Für eine politische, literarische Graphic Novel ist das eine bemerkenswerte Zahl – und ein Zeichen dafür, dass diese Geschichte viele erreicht hat.


    Warum dieser Comic bleibt

    Schloss der Tiere ist kein Comic, den man „wegliest“.
    Er bleibt, weil er Fragen stellt, ohne Antworten zu liefern.
    Weil er zeigt, dass Widerstand leise sein kann.
    Und weil er den Mut hat, am Ende nicht zu trösten, sondern wahrhaftig zu sein.

    Ich habe den letzten Band geschlossen – und war erst einmal still.

    Und das ist vielleicht das größte Kompliment, das man einer Geschichte machen kann.


    Video zum Comic

  • Hat Luther wirklich die Bibel als erster ins Deutsche übersetzt

    Hat Luther wirklich die Bibel als erster ins Deutsche übersetzt

    Oder: doch nicht?
    Aus der Rubrik „Na da schau mal her!“

    Beim Lesen eines älteren archivarischen Buchs – Johann Anton Theiners „Die katholische Kirche besonders in Schlesien in ihren Gebrechen dargestellt“ (1827) – bin ich über einen Satz gestolpert, der mich aufhorchen ließ.

    Johann Anton Theiner war katholischer Geistlicher, Theologe und Historiker, der später mit der Kirche brach und sich den Deutsch-Katholiken anschloss. Sein Bruder Augustin, der zuletzt das Vatikanische Geheimarchiv leitete, hatte tiefen Zugang zu Quellen. Diese Expertise merkt man den Werken der beiden deutlich an.

    In J.A. Theiners Buch bin ich auf folgenden Absatz gestoßen:

    „… auch gab es schon andere Übersetzungen der Evangelien. Malafried Strabo, Benediktiner Abt auf der Insel Reichenau um das Jahr 900 berichtet, die Gothen hätten gleich anfangs ihrer Bekehrung um 400 schon die Bücher in die Alt-Deutsche Sprache übersetzt, wovon zu seiner Zeit noch Exemplare da waren.“

    Und da wurde ich hellhörig:

    War nicht Luther derjenige, dem wir die deutsche Bibel verdanken? Offensichtlich stimmt das so nicht – also musste ich nachforschen.

    Bei der gothischen Bibel geht es erst einmal um die Bibel des Wulfila (Ulfilas), entstanden um 350/380 u.Z. Wulfila war Bischof der Westgoten und schuf für seine Bibel sogar eine eigene Schrift, die gotische Schrift.
    Ob man die gotische Sprache bereits als ‚deutsch‘ bezeichnen darf, darüber lässt sich streiten – ein früher Verwandter war sie in jedem Fall.

    Tatsächlich existierten vor Luther mindestens 18 weitgehende deutsche Bibelübersetzungen sowie zahlreiche Teilübersetzungen. Sie reichen von althochdeutschen Evangelientexten über mittelhochdeutsche Bibelwerke bis zu 14 gedruckten vollständigen Bibeln zwischen 1466 und 1522.

    Ein Grund, warum die vielen vorlutherischen deutschen Bibeln kaum Wirkung entfalteten: Sie waren fast ausschließlich für Kleriker bestimmt. Seit dem 13. Jahrhundert war der Besitz und das Lesen der Bibel in deutscher Sprache für Laien durch mehrere Konzilsbeschlüsse stark eingeschränkt oder verboten (z. B. Konzil von Toulouse 1229).

    Aber was macht dann das Werk von Luther so bedeutend und anders? Was hebt ihn ab von den vorherigen Übersetzern.

    Nun erstmal die Quelle. Die vorherigen deutschen Übersetzungen basierten alle auf der Vulgata, der ersten lateinischen Fassung der Evangelien, zusammengestellt im Auftrag von Papst Damasus I. von Hieronymus ab 382. Eine außerordentliche Leistung, musste er doch aus vielen unterschiedlichen Fassungen der Evangelien, die sich teils auch noch widersprachen, auswählen. Schließlich gab es ganz unterschiedliche Texttraditionen in den verschiedenen Kirchen.

    Nicht nur das er auswählen musste, welche Texte und Evangelien denn nun in die erste gesammelte Fassung aufgenommen werden sollten, er nahm selbst auch noch viele Glättungen und Anpassungen vor, siehe Zitat am Ende (1).
    Was Hieronymus nicht in die definierte kirchliche Fassung übernahm, wurde später – je nach Tradition – als apokryph oder deuterokanonisch bezeichnet – eine ganze Menge, die es nicht in die Vulgata geschafft hat.

    Aber warum hatte schon Hieronymus nicht einfach den Originaltext der Evangelien verwendet? Ganz einfach – weil es keinen Originaltext gab und gibt. Unser ältestes vorhandene Stück Originalmanuskript mit einem Bibeltext ist das scheckkarten-große Manuskript-Schnipsel P52, und das ist nach neuesten Schätzungen aus der Mitte des 3. Jahrhunderts. Alle anderen überlieferten Texte sind noch jünger.

    Davor gibt es nichts. Entweder, weil die Überlieferungen lange mündlich weitergetragen wurden, oder die entsprechenden Manuskripte sind schlicht verloren gegangen.

    Und die vielen Fassungen? Nun, keiner in der frühen Kirche wollte „Geschichtsschreibung“ im heutigen Sinne betreiben – es ging um Glauben und Theologie. Darüberhinaus mussten die wenigen vorhandenen Texte jedes Mal von Hand entweder abgeschrieben oder aus dem Gedächtnis neu verfasst werden.

    Dabei gab es viele theologische Unterschiede in den Gemeinden. Gerade in der Frühzeit der Kirche. Streit um die richtige Deutung der Überlieferungen war an der Tagesordnung, was sich dann in den Texten, die teils als „Kampfschriften“ fungierten, auch niederschlug.

    Was dann auch der Grund dafür war, dass Papst Damasus I. Hieronymus den Auftrag gab, eine vereinheitlichte kirchlich autorisierte Fassung der Evangelien zusammenzustellen.

    Und nun Luther?

    Luther selbst griff auf den griechischen Text des Erasmus (1516) für das Neue Testament sowie eine hebräische Fassung für das Alte Testament zurück.

    Natürlich waren auch diese Fassungen schon Konstrukte aus verschiedenen Vorläufertexten, also lag hier schon eine Auswahl mit Anpassungen vor. Dies war Luther durchaus bewusst. Auch Luther selbst griff dann und wann in die Texte ein, und erschuf so in Teilen seine eigene theologische Fassung, die nicht immer durch die ihm vorliegende Textfassungen begründet war und eben auch seine Theologie stützen sollte (2).

    Luthers eigentliche Leistung bestand nicht darin, dass er die Bibel „als erster“ übersetzte – das tat er keineswegs –, sondern darin, dass er sie aus den Ursprache-Texten neu übersetzte und dabei ein verständliches, einheitliches Deutsch schuf.
    Damit wurde seine Bibel zum Ausgangspunkt der neuhochdeutschen Schriftsprache und zugleich zur ersten wirklich weit verbreiteten Volksbibel.

    Luther war daher der erste, dessen Bibelübersetzung breitenwirksam unter das Volk gelangte – und das in einer Zeit, in der der Buchdruck Massenverbreitung überhaupt erst möglich machte.

    Das ist die eigentliche Leistung Luthers.

    Nachsatz

    Durch die vielen Funde der letzten 200-300 Jahre kennen wir heute alleine 5.800 verschiedene griechische Textfassungen des Neuen Testaments, von lateinischen, koptischen, aramäischen, syrischen, armenischen usw. gar nicht zu sprechen. Die kommen noch oben drauf.

    Und eine letzte spannende Frage:
    Wenn die älteste germanische Bibel auf einem griechischen Text beruht, der älter ist als die Vulgata — wer steht dann eigentlich näher am Urtext? Hieronymus oder Wulfila?

    (1) Aus dem Brief, den Hieronymus an Papst Damasus I. schrieb, nachdem der Kirchenlehrer die Überarbeitung der vier Evangelien des Neuen Testaments abgeschlossen hatte:
    „Du zwingst mich, ein neues Werk aus einem alten zu schaffen, gleichsam als Schiedsrichter zu fungieren über Bibelexemplare, nachdem diese [seit langem] in aller Welt verbreitet sind, und, wo sie voneinander abweichen, zu entscheiden, welche mit dem authentischen griechischen Text übereinstimmen. Es ist ein Unterfangen, das ebenso viel liebevolle Hingabe verlangt, wie es gefährlich und vermessen ist; über die anderen zu urteilen und dabei selbst dem Urteil aller zu unterliegen; in die Sprache eines Greises ändernd einzugreifen und eine bereits altersgraue Welt in die Tage ihrer ersten Kindheit zurückzuversetzen.
    Wird sich auch nur einer finden, sei er gelehrt oder ungelehrt, der mich nicht, sobald er diesen Band [die Überarbeitung der Evangelien] in die Hand nimmt und feststellt, dass das, was er hier liest, nicht in allem den Geschmack dessen trifft, was er einmal in sich aufgenommen hat, lauthals einen Fälscher und Religionsfrevler schilt, weil ich die Kühnheit besaß, einiges in den alten Büchern zuzufügen, abzuändern oder zu verbessern?
    Zwei Überlegungen sind es indes, die mich trösten und dieses Odium auf mich nehmen lassen: zum einen, dass du, der an Rang allen anderen überlegene Bischof, mich dies zu tun heißest; zum anderen, dass, wie auch meine Verleumder bestätigen müssen, in differierenden Lesarten schwerlich die Wahrheit anzutreffen ist.
    Wenn nämlich auf die lateinischen Texte Verlass sein soll, dann mögen sie bitte sagen: Welchen? Gibt es doch beinahe so viele Textformen, wie es Abschriften gibt. Soll aber die zutreffende Textform aus einem Vergleich mehrerer ermittelt werden, warum dann nicht gleich auf das griechische Original zurückgehen und danach all die Fehler verbessern, ob sie nun auf unzuverlässige Übersetzer zurückgehen, ob es sich bei ihnen um Verschlimmbesserungen wagehalsiger, aber inkompetenter Textkritiker oder aber einfach um Zusätze und Änderungen unaufmerksamer Abschreiber handelt? … Ich spreche nun vom Neuen Testament: … Matthäus, Markus, Lukas, Johannes; sie sind von uns nach dem Vergleich mit griechischen Handschriften – freilich alten! – überarbeitet worden.
    Um jedoch allzu große Abweichungen von dem lateinischen Wortlaut, wie man ihn aus den Lesungen gewohnt ist, zu vermeiden, haben wir unsere Feder im Zaum gehalten und nur dort verbessert, wo sich Änderungen des Sinns zu ergeben schienen, während wir alles übrige so durchgehen ließen, wie es war.“

    (Vorrede zum Neuen Testament; zit. nach A. M. Ritter, Kirchen- und Theologiegeschichte in Quellen, Bd. 1 – Alte Kirche, 1. Auflage 1977, S. 181 f.; im Original bei J. P. Migne, Patrologiae cursus completus, series Graeca (MPG) 29, Sp. 525 ff.)

    (2) Römer 3,28: „… der Mensch gerecht werde allein durch den Glauben“.
    Das Wort „allein“ steht in keinem griechischen Manuskript. Es war eine theologische Entscheidung.

  • Unser Haus

    Unser Haus

    Das Erhard Püchelgut

    Nummer: 4, A° 1654, Grundherrschaft:  Lichtenstein
    Haus Nr.: 4, ab 1807
    Arzloher Str. Nr.4, ab 1969, Hausname: „Leiml Binner“

    Das Haus um 1913

    1539    Erhard Püchel  „hat innen ein Gütle, hat höfen und Stadl an hansen Goppols und Margret Reuff hofreit“. Im alten Pfarr-Salbuch von 1543: „Erhard Puchels Gut und 2 Acker“. Im neuen Salbuch von 1558: „Erhart Püchel, gibt aus seinem gutt vnd j Viertel ackers an Hansen Taubers, vnnd Jorgen Pickels ackers, allen Zehenden grossen und kleinen.“

    Hanns Spieß

    Lucas Vogel

    Cunrad Wisenter, Schneider.

    1631 Georg Haller„der deßen Wittib genomen“.

    1646 Cuntz Leimberger

    „A° 1646 o 8 Trinit. ein Zehendhahnen bracht, sind 14 Junge, hat A° 1644 hühner gehabt, kein Zehenden geben, ist also ietzt noch ein huhn schuldig.“

    „Diese behausung ist A° 1676 den 13. Jan. ebenfalls in der nacht allerdings abgebronnen, wie des Hannß Pauly behausung, aber der neu erbaute Stadl ist noch errettet worden. Ist wieder erbaut worden A° 1677 von Hannß leimberger.“ 

    Auszug aus dem Salbuch

    (Archiv Ev, Luth. Pfarramt Pommelsbrunn Nr. 106)

    1677 Johannes Leimberger, „filiy“ (=Sohn).

    1704 Andreas Pöner

    1754 Georg Schaden, „1 Guet“.

    1791 Ernst Joh. Schad (-en)

    1818/19 Georg Schienhammer, Büttnermeister, geb. am 14. August 1784 – „Steuert 1836 für ein Gut und Büttnergewerbe“.

    Elisabeth Schienhammer, Witwe.

    1866/71 Joh. Georg Meier
    a) Wohnhaus mit Stall, ohne Grundmauer, Steinfachwerk, Holz, Ziegeldach.
    b) Stadel: Steinfachwerk, Strohdach.

    1885 Joh. Georg Schienhammer, Büttner, geb. am 26.Mai 1856, hat am 1. September 1885 das Bürgerrecht erhalten. Ehefrau: Margaret Schienhammer, geborene Übler, aus Hartmannshof.              

    Kinder:
    Anna, geb. am 3. Februar 1886.
    Babette, geb. am 19. Mai 1888.

    1910 Fritz Emmert, Straßenwärter, verheiratet mit Anna Schienhammer. Neubau des Hauses um 1912/13. Nun zweistockig und der Giebel in Nord/Süd-Richtung. Hopfengauben sind sichtbar.
    Der Dachstuhl ist ein freitragender Dachstuhl aus geschlagenen Balken, überwiegend mit Holznägeln verbunden.

    Um 1934 hat ein „kalter“ Blitz gegen die Mittagszeit eingeschlagen, ohne jedoch größeren Schaden am Haus anzurichten.                                      

    1955 Georg Emmert, Zimmerei, geb. 1911, gest. 1980.

    1980 Margarete Emmert, geborene Müller, Witwe.

    1997 Christine Lierl-Schnaible und Klaus Schnaible

    Pommelsbrunn – das untere Dorf. Es ist die Scheune und das Soppelhaus rechts davon zu sehen, links angeschnitten das Haus noch einstöckig mit Giebel in Ost/West-Richtung. (Postkarte von 1909).

    Das Haus um 1926

    Das Haus um 1926 mit Scheune und dem “Soppelhaus“.

    Um 1970, mit der Schreinerei in der Scheune

    Um 1970, mit der Schreinerei in der Scheune

    Dank geht an Dr. Otto Braun, der diese Informationen zusammengestellt hat.

  • Das ungute Gefühl auf einem Bike-Fest im Harz

    Das ungute Gefühl auf einem Bike-Fest im Harz

    – und was das mit Erfurt zu tun hat.

    Im Sommer waren meine Frau und ich auf einem Bike-Fest im Osten. In einem Museum, das über die Jahre hinweg nach der Wende privat und mit viel Liebe aufgebaut wurde, in dem auch alte DDR-Kuriosika aufbewahrt und erhalten werden.

    Viele Biker und auch andere waren zu Besuch, bei Bier, Bratwürsten und Steak – bestes Wetter.

    Als das berühmteste Werk dieser Bike-Schmiede vorgeführt wurde, ein selbst gebautes Panzer-Bike, meinten der Junior und der Senior eine Rede halten zu müssen und wollten eine gewisse Einleitung geben. Ihr gutes Recht.

    Aber da machte sich bei meiner Frau und mir ein unwohles Gefühl breit – was passiert da gerade?

    Wo sind wir hier – In Deutschland – oder in der ehemaligen DDR?

    Da war plötzlich von den Russen als gute Nachbarn die Rede, mit denen man immer so gut ausgekommen sei, da war die Rede von den Politikern, die uns in den Krieg treiben, von der überhandnehmenden Bürokratie – davon, dass es früher im Osten gar nicht so schlecht war, auch wenn nicht alles gut war.

    Da wurde Hallervordens Friedensappell abgespielt (Oh Didi, wo bist du denn falsch abgebogen!) und es wurden DDR-Friedenslieder gesungen – von allen gemeinsam. Es wurde allen Ernstes der propagandistische Mythos vom ‚Friedensstaat DDR‘ beschworen.

    Wir fühlten uns plötzlich fremd im eigenen Land

    Das war kein normales Motorradfest – es war ein Fest, das tief in einer bestimmten DDR-Nostalgie verwurzelt war.

    Weiß der Senior nichts vom Volksaufstand 1953, als russische Soldaten auf die Arbeiter schossen? Weiß er nichts mehr von der Stasi, dem ständigen Bücken vor den Verantwortlichen, dem Druck von oben, den Toten an der Mauer, den gefälschten Wahlen zu denen man hingetrieben wurde?

    Und warum wird gleichzeitig die heutige BRD so beschimpft? Die Politiker, das ganze System, die angeblich nicht vorhandene Demokratie? Hätte es dieses Museum, dieses Fest, diese Eigeninitiative an diesem Ort zu DDR Zeiten gegeben?
    Hier wird Freiheit gelebt, die es früher nie gegeben hätte – und vielen scheint das gar nicht bewusst zu sein!

    Was führen diese Menschen vor ihren Kindern für ein elendiges und trauriges Schauspiel auf?
    So kann man Kindern keinen Lebensmut beibringen – wenn man die eigene Unzufriedenheit und Wirklichkeitsverleugnung zum eigentlichen Lebensinhalt macht.
    Ist es das, was man den Kindern weitergeben will?
    Nein – Kinder brauchen Mut, Offenheit, einen positiven Blick auf die Zukunft – das muss man Kindern mitgeben, nicht die eigene Verzagtheit.

    „Auch wenn ich noch so sehr Angst davor habe, in eine Achterbahn oder ein Karussell einzusteigen – wenn mein Kind damit fahren will, mache ich es.
    Ich überwinde meine Angst, damit mein Kind sie nicht spürt und nicht mit ins Leben nimmt.“

    Das ist für mich Verantwortung.
    Nicht die eigenen Ängste zu vererben.
    Nicht den eigenen Schmerz weiterzureichen.
    Sondern Mut zu zeigen – auch wenn man ihn sich leiht.

    Ein paar Monate später: Erfurt. Und plötzlich verstehe ich noch mehr.

    Wir waren am letzten Wochenende dort – eine Stadt, so schön, dass man sie zweimal sieht: einmal mit den Augen, einmal im Herzen. Erfurt ist kein Zufall. Es ist gebauter Wille, politische Entscheidung, Förderung, Planung, Geld, Arbeit.

    Nach der Wende war hier viel kaputt. Heute ist es ein Wunder.
    Fachwerk, Plätze, Dom, Krämerbrücke – alles strahlt, alles erzählt, alles zeigt, was wir gemeinsam geschafft haben.

    Und dann fragt man sich:
    – Wie kann es sein, dass so viele schimpfen? Auf die BRD, auf die Politik, auf „den Westen“?
    – Wie kann man diesen Anblick sehen und trotzdem sagen, „früher war alles besser“?
    – Wer, wenn nicht wir alle zusammen, hat diese Stadt gerettet?
    – Wer hat die Mittel bereitgestellt?
    – Wer hat die Restaurierungen geplant, genehmigt, bezahlt?
    – Wer hat die Grundlagen für dieses neue Erfurt gelegt?

    Antwort: Unsere gemeinsame Republik.
    Die Politik, die Verwaltung, die Steuern von Ost und West.
    Der Wille, es besser zu machen.

    Wir jedenfalls waren stolz auf dieses neue Erfurt – und das auch wir (ein klitzekleines bisschen) dazu beigetragen haben, dass es wieder werden konnte.
    Denn auch Erfurt ist Teil unseres gemeinsamen Deutschlands, ebenso ein Stück Heimat.

    Das Jammern auf gepflasterten Marktplätzen, unter restaurierten Fachwerkhäusern, in sanierten Wohnungen, mit schnellen Netzen und sicherer Infrastruktur – das muss aufhören!

    Für Menschen, die DDR-Nostalgie bewusst zur Stimmungsmache missbrauchen, ist in einer demokratischen Zukunft kein Platz.

    Nachtrag

    Die BRD hatte viele Jahre gebraucht, bis der Nationalsozialismus wirklich aufgearbeitet wurde, Mitte der 60 Jahre, 20 Jahre nach dem Krieg wurde damit begonnen – und es hat mindestens 20 Jahre gedauert.
    Der Osten hat nicht mal das aufgearbeitet – da waren ja nur Sozialisten, die hatten sowieso nie was mit dem Nationalsozialismus zu tun. Und so wurde die Diktatur unter anderem Namen fortgeführt.

    Jetzt sind es 35 Jahre nach der Wende – es wird höchste Zeit für eine breite ehrliche Aufarbeitung der DDR-Zeit – allerhöchste Zeit.
    Die Wunden der Wende sind ja schon lange geleckt.

    Der Harz erinnerte mich daran, wie schnell man sich rückwärts träumt.
    Beides gehört zu diesem Land.
    Aber entscheiden müssen wir selbst, was wir weitergeben.
    Hoffnung oder Angst.
    Mut oder Bitterkeit.
    Ich weiß, wofür ich mich entscheide.

    Erfurt vor der Wende, für alle die sich nicht mehr erinnern können, Fotos von Peter Hilgers.